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20.02.2017
Bildtafel 51: Vern Ordo 3, fol 2 (3. Ordnung des Frühlings)

Die Frühlingslichtblume (50, III) begegnete uns bereits auf einer früheren Tafel (33, III) und erscheint hier nochmals in einer gefüllten, etwas farbstärkeren Art. Daß sich die Blütezeit der Traubenhyazinthen (50, IIII u. V) ihrem Ende zuneigt, macht das letztmalige Auftreten zweier ihrer typischen Vertreter deutlich.
Dagegen beginnt nun der Aufstieg einer anderen Charakterpflanze, deren markante Blüten mit ihren leuchtenden Farben jetzt für einige Zeit den Eindruck des Gartens bestimmen: bis Tafel 66 finden sich zahlreiche Narzissen in unterschiedlicher Ausformung, Größe und Färbung der Blüte. Allen gemeinsam ist die auffällige Nebenkrone, die als Hauptmerkmal zur gärtnerischen Unterteilung dieser Amaryllisgewächse herangezogen wird. Bei den „Trompeten-Narzissen“ (z.B.: 34, III, IV; 50, I; 55, II), häufig auch Osterglocken genannt, stehen die Blüten einzeln und ihre röhrenförmige Nebenkrone ist mindestens so lang wie die Kronblätter oder länger als diese. Verkürzt sich die Nebenkrone (z.B. 51, I-III) spricht man heute je nachdem von Narzissen mit großer oder kleiner Nebenkrone, anschaulicher von Schalen-Narzissen und Teller-Narzissen. Durch die Steigerung der Anzahl von Blütenblättern entstehen gefüllte Formen (z.B.: 52, I-III; 54, III). Spanien, Südfrankreich, das Mittelmeergebiet und der Balkan sind die Heimat des mehrblütigen Narcissus jonquilla, von dem die Jonquill-Hybriden (z.B. 53, I, III, IIII; 56, II) abstammen. Ihre Blütenblätter sind ausgebreitet, die Nebenkrone kurz, auffällig ist ihr starker Geruch. Die Tazetten (61, I-III; 63, I; 64, I-III) kommen in Mittelmergebiet aber auch in Kleinasien und dem Fernen Osten vor, sind ebenfalls mehrblütig und können bei einzelnen Sorten bis zu 20 Einzelblüten pro Trieb entwickeln. Schließlich sei noch die spätblühende, duftende Poeten-Narzisse (51, I; 62, I, II) erwähnt, deren weiße Blütenblätter besonders schön zur gelben, am Rand rotorange gesäumten und gefältelten kleinen Nebenkrone kontrastieren. Aus dieser hellen Trias der Farben weiß, gelb und orange bis rot sowie den vielfältigen Möglichkeiten des unterschiedlichen Blütenbaus, kombiniert die Gattung Narcissus ein vielfältiges und überraschend abwechslungsreiches Spektrum prachtvoll heiterer Frühlingsblumen.
Über die Herkunft des Namens Narzisse besteht keine endgültige Klarheit. Bekannt ist die Schilderung Ovids, der erzählt, Narkissos, der Sohn eines Flußgottes und der Nymphe Leiriope, wäre wegen seiner ungewöhnlichen Schönheit von Frauen und Männern geliebt worden. Er aber schlug alle Zuneigung aus. Ein Verschmähter jedoch betete zu Nemesis um Vergeltung und die Göttin strafte den herzlosen Schönen damit, daß er sich leidenschaftlich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, als er sich zum Wasser eines Teiches am Berge Helikon hinabbeugte, um zu trinken. Er war nicht mehr fähig, sich von der Wasserspiegelung zu trennen und starb schließlich entkräftet an dieser Stelle. Sein Leichnam aber wurde von den Göttern in die schöne Narzisse verwandelt.

(Werner Dressendörfer: "Die Pflanzen des Hortus Eystettensis. Ein botanischer und kulturhistorischer Spaziergang durch das Gartenjahr." In: Hortus Eystettensis. Commentarium. A cura di Klaus Walter Littger u.a. Sansepolcro: Aboca, 2006, S. 58-274)
Mit freundlicher Genehmigung von Aboca Museum