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19.03.2019
Bildtafel 79: Vern Ordo 4, fol 13 (4. Ordnung des Frühlings)

Fast scheint es, als wollte die letzte Tulpe des Hortus Eystettensis, eine weißblühende späte Sorte (79, I) noch einmal demonstrieren, daß es der raffiniert gezüchteten Farbenspiele ihrer Schwestern gar nicht bedarf. Sie breitet ihre sechs Kronblätter ungewöhnlich weit aus, verzichtet auf Farbe und schmückt sich nur mit dem kontrastierenden Griffel und den Staubgefäßen.
Dennoch können die beiden Laucharten, die sie flankieren, neben soviel Schönheit sehr wohl bestehen. Mit beiden verbinden sich spektakuläre historische Zusammenhänge. Der Goldene Lauch (79, II), in einigen Teilen Spaniens heimisch, wird auch heute noch als Zierpflanze in vielen Gärten geschätzt. Die Botaniker gaben ihm den lateinischen Namen Allium moly und nahmen damit einen Namen auf, der sich bereits bei Homer findet: als die Zauberin Kirke die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt hatte, konnte dieser mit dem Kraut Moly, das er von Hermes erhielt, den Zauber lösen. Der Allermannsharnisch (79, III) findet sich nur noch selten an felsigen Hängen und fällt durch das ungewöhnliche Aussehen seiner Zwiebel auf, die eher einem von einer faserigen Hülle umgebenen Wurzelstock gleicht. Nach dem mittelalterlichen Analogiedenken mußte diese Besonderheit ein Hinweis auf einen bemerkenswerten, vergleichbaren Sachverhalt sein und so nahm man an, die Wurzel sei von sieben Häuten umgeben und wer sie als Talisman bei sich tragen würde, sei durch sie ebenso gut geschützt wie durch einen siebenfachen Harnisch, was den deutschen Namen erklärt.

(Werner Dressendörfer: "Die Pflanzen des Hortus Eystettensis. Ein botanischer und kulturhistorischer Spaziergang durch das Gartenjahr." In: Hortus Eystettensis. Commentarium. A cura di Klaus Walter Littger u.a. Sansepolcro: Aboca, 2006, S. 58-274)
Mit freundlicher Genehmigung von Aboca Museum