Vollbild umschalten

< <

05.02.2023
Bildtafel 36: Vern Ordo 2, fol 4 (2. Ordnung des Frühlings)

Mit wenigen Ausnahmen sind es Hyazinthen, die sich hier erstmals auf fünf aufeinanderfolgenden Tafeln finden, aber auch auf wenig späteren nochmals vertreten sein werden (36, I u. II; 37, I-III; 38, II u. III; 39, II u. III; 40, I u. II; 44, II u. III; 45, III; 46, I - V; 47, I - III) . Obwohl sich der Pflanzenname Hyakinthos und davon abgeleitete Formen bereits in der Antike finden lassen, gehen wir davon aus, daß jene Blume, die wir heute darunter verstehen, damals noch nicht kultiviert wurde. Ausführlich informiert sind wir dagegen über die legendäre Entstehung der Blume, bei der Parallelen zur Anemone bzw. zur Adonis-Sage unübersehbar sind: Hyakinthos, ein überaus schöner Jüngling, wurde seiner Anmut wegen von Apoll und Zephir, dem Gott des Westwindes, gleichermaßen begehrt. Als er seine Gunst aber dem Sonnengott zuwandte und dieser ihn das Diskuswerfen lehren wollte, lenkte der eifersüchtige Zephir durch einen Windstoß die fliegende Scheibe gegen den Kopf des Epheben, der tödlich getroffen zu Boden sank und selbst von Apoll nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden konnte. Aus seinem Blut entstand die nach dem Jüngling benannte Pflanze.
Derart blutrünstige Geschichten taten der späteren Beliebtheit der Pflanze in Mitteleuropa keinen Abbruch. Nachdem sie um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus dem vorderen Orient hierher kam, verbreitete sie sich bald in den Gärten, obwohl bei den ersten Exemplaren die Einzelblüten noch sehr viel kleiner waren und weiter auseinander standen, als wir dies von den heutigen vollen Blütenständen gewöhnt sind. Ihre üppige Form bekam die Hyazinthenblüte erst im Lauf der letzten drei Jahrhunderte.
Auch der zweiblättrige Blaustern (37, IIII), der Milchstern (38, I; 43, III) und der Gelbstern (39, I) können es wegen ihrer grazilen Schönheit mit den Hyazinthen aufnehmen. Beim Milchstern fiel besonders auf, daß sich seine Blüten erst ungewöhnlich spät am Vormittag und dann auch nur für recht kurze Zeit öffnen. Diese „Schlafmützigkeit“ muß er mit allerhand volkstümlichen Namen büßen von „Slaapmütz“ in Norddeutschland über das französische „dame d’onze heures“ bis zum englischen „Jack-go-to bed-at-noon“ oder dem amerikanischen „Sleepy Dick“.
Die beiden „praecox“, also zeitig im Jahr, blühenden Tulpen (39, IIII u. V) geben einen Vorgeschmack auf den noch kommenden umfangreichen Katalog dieser im Hortus Eystettensis extrem stark vertretenen Zierblumen.
Das Hasenglöckchen (40, III-V) wird heute zwar einer anderen botanischen Gattung zugerechnet als die Hyazinthe, in seinem Namen „Hyacinthoides“, kommt jedoch die große Ähnlichkeit und enge Verwandtschaft zwischen beiden deutlich zum Ausdruck.

(Werner Dressendörfer: "Die Pflanzen des Hortus Eystettensis. Ein botanischer und kulturhistorischer Spaziergang durch das Gartenjahr." In: Hortus Eystettensis. Commentarium. A cura di Klaus Walter Littger u.a. Sansepolcro: Aboca, 2006, S. 58-274)
Mit freundlicher Genehmigung von Aboca Museum